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Eine Flucht

  • Autorenbild: Rosie
    Rosie
  • 15. Sept. 2022
  • 7 Min. Lesezeit

Piraten, Stürme, Gluthitze: Auf der Flucht vor den Kommunisten starben Tausende vietnamesischen Bootsflüchtlingen im Südchinesischen Meer. Loan Nguyen überlebte. Nach einem Alptraum auf dem See kam sie nach Deutschland.



Es war eine Nacht im März 1981. Ein kleines Fischerdorf lag ruhig in einer Bucht an der Ostküste des Ostvietnamsees. Der feuchte Dunst des Südchinesischen Meeres verwandelt die Umrisse des Fischerdorfes in ein blasses Bild. Nachts, als es etwas ruhiger war, liefen zwei winzige Frauen an der Künste entlang. Wegen der durchnässten Hosen wurden ihre Schritte noch schwerer, denn es war nicht so einfach, sich auf dem weichem Sand zu stabilisieren. Der Atem ging kaum durch Loans Kehle, so eng war sie ihr. Sie fühlte alle Schweißtropfen, die über ihre Stirn, ihren Rücken und ihre Kopfhaut liefen. Loan, eine der zwei jungen Frauen, versuchte sich mit dem Ärmel ihrer traditionellen, vietnamesischen Bluse jeden Tropfen Schweiß von der Stirn zu wischen. Jeder Kilometer, brachte sie ihrem Ziel näher. Von fern beharrte sie darauf, ein helles Leuchten erkennen zu können. „Das ist ein heiliges Fischerboot. Ich kann diese Orte erkennen, sie leuchten von innen heraus“, flüsterte Loan. Kurz vor Mitternacht kamen Loan und ihre Cousine an dem kleinen Fischerboot an. Ihren Augen bot sich ein Chaos. Eine große Menge von Leute versuchte, in das Schiff einzusteigen. Überall lagen zurückgelassene Gepäckstücke herum, Koffer, Taschen, alles Habe der durchziehenden Flüchtlinge, die sich mehr zugemutet hatten, als sie fortbringen konnten. Nur das Wichtigste, das Leben, galt es in Sicherheit zu bringen. Ab diesem Moment begann Loans Flucht.


Die braune Wolldecke lässt sich Loan Nguyen von niemandem ausreden, auch nicht vom eigenen Lebensgefährten. „DRK“ prangt in großen Buchstaben auf dem schon leicht verschlissenen Stück. Rettungssanitäter hatten der vor Kälte bibbernden Vietnamesin die Decke über die Schultern gelegt, nachdem sie im September 1981, auf dem Flughafen Berlin Tegel gelandet war. Loan Nguyen kommt aus Vungtau und gehört zu den Vietnam-Flüchtlingen, die vor über 35 Jahren in der Bundesrepublik Asyl fanden.


Unter dem Banner der nationalen Freiheit waren die Kommunisten Vietnams vor drei Jahrzehnten gegen ihre Kolonialherren angetreten. Vietnam war damals schon seit Jahrzehnten geteilt, in einen kommunistischen Norden und den anti-kommunistischen Süden. Daraus entstand ein Krieg, in den die Sowjetunion, die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten eingriffen. Nach unterschiedlichen Schätzungen gab es bis zu fünf Millionen Tote, darunter etwa viermal so viele Zivilisten wie Soldaten. Nach Jahren des grausamen Krieges in Loans Land waren am 30.April 1975 die Panzer der nordvietnamesischen Truppen in die südvietnamesische Hauptstadt Saigon gerollt. In der FAZ war in der Zeit geschrieben „ […] Mit dem Sieg der Kommunisten begann eine Hatz auf potentielle Feinde, allen voran Vietnamesen chinesischer Abstammung, Mitarbeiter der früheren südvietnamesischen Regierung, Angehörigkeit der Armee und sogenannte Kapitalisten. Wer immer ihnen verdächtig erschien, den schickten die neuen Machthaber in sogenannte Umerziehungslager.“


Nichts konnte noch schlimmer sein. Aufgrund der Verfolgung durch die Kommunisten, entschlossen sich rund 1,5 Millionen Menschen für eine Flucht aus. Davon flüchteten rund 130 000 Menschen schon mit den Amerikanern. Auch Loan hatte der „ Rote Terror“ aufs offene Meer getrieben. Für sie stand fest, dass eine Flucht das einzig richtige war in diesem Moment. Doch wohin? Das wusste die junge Frau leider selbst nicht. Viele Fischerboote verließen das Meer ohne richtiges Ziel. Doch eines war klar: Richtung Westen! Genau wie Loan stieg der Rest der Flüchtlinge auch in kleine Fischerboote oder Morsche Kähne und verließen das Land, in der Hoffnung im Westen Zuflucht vor dem „roten Terror“ zu finden. In den westlichen Nachrichten bezeichnete man diese Leute als „ Boatpeople“, deren Schicksal ungewiss war.


Loan wurde in einer achtköpfigen Familie, in einem kleinen Fischerdorf geboren. Ihre Eltern betrieben in Vungtau, einer kleiner Hafenstadt in der Nähe von Saigon, eine Lebensmittelgeschäft. Ihre Tante war Mitarbeiterin der amerikanischen Armee. Ihre Eltern hatte kein Geld um die Freiheit ihrer Kinder zu erkaufen, daher hatte Loan Nguyen ihre Tante aus Mitleid mitgenommen. Die ersten Einwohner verließen das Fischerdorf meist mit dem Schiff. Loan konnte sich nicht genau erinnern, wie viele Leute in ihrem Fischerdorf sich Schiffe für die Flucht bauten und schon alles vorbereiteten. Die damals 18-jährige fasste auch diesen Entschluss: im März würde Loan auch flüchten. An einem lauen Abend im März 1981 war es dann soweit und sie stieg zusammen mit ihrer Tante und ihrer Cousine in ein kleines Fischerboot. Außer der traditionellen, vietnamesischen Kleidung, die sie trug, konnte Loan Nguyen nichts mitnehmen.

Das war ihre erste und längste Fahrt, sie war noch niemals vorher so weit von ihrer Mutter fortgegangen. Loans Boot war besetzt mit 63 Leuten, wodurch sie ein 5 Quadratmeter Zimmer gemeinsam mit vier Leuten bekam. Es gab gerade genug Platz um zum Sitzen, aber nicht genug Platz zum Stehen oder Liegen. Nacht einer schlechten Nacht ohne Schlaf ging die Sonne nach und nach auf. Obwohl Loan am Meer geboren war, war sie bisher niemals mit dem Schiff gefahren, deshalb wurde sie sehr schlimm seekrank. Um frische Luft zu schnappen, versuchte Loan einen freien Platz am Bug zu bekommen. Auf einmal durchzuckte Loan ein furchtbarer Gedanke: ihre Mutter und Geschwister! Sie hatte ihre Familie verlassen. Natürlich gab es während der ganzen Kriegsjahre nur schnelle Entscheidungen: die Freiheit behalten oder ins Gefängnis zu gehen. Auf einmal hatte Loan nur den Wusch, dass sie von der Polizei der vietnamesischen Kommunisten aufgegriffen würde, damit sie die Chance bekäme, zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern zurückzukehren. Vom Bug des Schiffes aus warf Loan ihren Blick auf die Landschaft, die sich veränderte. Der Strand, zu dem sie jeden Tag mit den anderen Kindern gelaufen war, wo sie zusammen geschwommen waren, war kaum noch zu erkennen. Der Weg, den sie immer mit ihrer Mutter zum Fischmarkt ging, war schon nicht mehr zu sehen. Auch das kleine Haus, in dem sie aufgewachsen war, war nicht mehr zu erkennen. Nur ein kleines Fischerdorf in einer Bucht an der Ostküste war grob zu erkennen, ansonsten nur endloses Blau. Die nächste Empfindung, die Loan überrollte, war Furcht. Das Meer schaukelte, schnaubte und schäumte, plötzlich war der Himmel nach unten verrutscht, bis man ihn nicht mehr vom Meer unterscheiden konnte. Die Wolken sahen wie Wellen aus und die Wellen wie Wolken.


„Doch die Furcht vor den Kommunisten war größer als die Angst, dort draußen auf dem Meer zu streben“, sagt Loan Nguyen. Ein Schicksal, das tausende Vietnamesen ereilte. Viele ertranken im Meer, weil ihr Boot im Sturm gekentert war. Andere verdursteten oder fielen im Golf von Siam Piraten zum Opfer, die die Flüchtlinge um ihr weniges Hab und Gut brachten, um sie anschließend zu töten und über Bord zu werfen. Erreichten die Schiffe Land, wurden die Flüchtlinge dort meist unter entwürdigenden Bedingungen kaserniert, oder zurück auf See geschickt. Schätzungen zufolge gelang einer halben Million Menschen die Flucht in ein anderes Land, weitere 250 000 starben auf See oder in den Internierungslagern.


Es war ein Zufall, dass Loan Nguyen, ihre Tante und ihre Cousine überlebten. Nach viertägiger Irrfahrt erreichten die 63 Boatpeople die Küste bei Singapur, wo sie in einem Flüchtlingslager sechs Monaten verbrachten. Für Loan Nguyen und die anderen Flüchtlinge an Bord hatte der Alptraum auf See endlich ein Ende. Das Elend der Boatpeople erregte bald die Aufmerksamkeit der westlichen Medien. Bilder der auf See verlorenen Flüchtlingsboote inspirierten private Rettungsmissionen vor Ort, wie die des deutschen Schiffes Cap Anamur, als auch groß angelegte internationale Rettungsprogramme, wodurch rund 2 Millionen Flüchtlinge weltweit aufgenommen wurden. Cap Anamur war durch den Journalisten Rupert Neudeck, dessen Frau und einer Reihe von Prominenten initiierte und aus Spendengeldern finanziertes Schiff und wurde durch viele Hilfseinsätze bekannt. Mithilfe der Organisation Cap Anamur kam Loan schließlich auch nach Deutschland. In einer Boeing 707 der Bundesluftwaffe flog sie 12.000 Kilometer weit in ihre neue Heimat, vergaß aber nie den Tag ihrer Abreise sowie die Ankunft in Berlin.


Manche schätzen, dass nur 10 Prozent der Flüchtlinge überhaupt überlebten, und dass von diesen nur etwa 1 Prozent keine Drangsalierungen und Übergriffe erleben mussten. Loan Nguyen war eine der glücklichen Frauen (von 35.000 vietnamesischen Boatpeople), die in der Bundesrepublik Zuflucht fanden. Die meisten Bootsflüchtlinge erhielten einen ca. 10-monatigen, intensiven Sprachkurs, bei dem viele die deutsche Sprache sehr gut lernten, gerade die älteren allerdings taten sich trotzdem sehr schwer damit, sich die Sprache anzueignen. Deutsch ist noch schwerer zu erlernen als das auch schon sehr komplexe vietnamesisch. Nach dem Sprachkurs gingen viele Boatpeople auf die Haupt-/ Mittelschule oder Realschule und aufs Gymnasium. Ein großer Teil der vietnamesischen Schüler hatte die Chance, ihr Studium fortzusetzen. Auch wenn ihre Einzelschicksale höchst verschieden sind, lässt sich für die Gruppe der Vietnamesen als Ganzes sagen, dass sie, vor allem gemessen am Bildungserfolg, eine ungemein erfolgreiche Einwanderergruppe darstellen. Viele Vietnamesen sind als Ärzte, Ingenieure, Bankkaufleute oder Büroangestellte, Erzieherinnen, Arzthelfer, Krankenpfleger etc. oder als Facharbeiter und Techniker in den verschiedensten Branchen der Industrie und der Wirtschaft tätig. Der ehemalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler ist nur ein Beispiel.


„ Ich bin Deutsche geworden und kann mich als Vietlinerin, als 50-50 Mischung aus Vietnamesin und Berlinerin, bezeichnen. Aber in den nachfolgenden Generationen empfinde ich mich, wie meine Kinder, nur noch als zu 20-30 Prozent vietnamesisch. Auch wenn sie häufig die Sprache nur noch schlecht sprechen, Vietnam nur selten besuchen und wenig Kontakt zu anderen Vietnamesen haben, bleibt dieses Gefühl. Mit seinen Geschwistern redet mein Sohn häufig deutsch, da er die Sprache besser beherrscht. Bei der zweiten oder dritten Generationen spielt die Herkunft für sie im Alltag also fast gar keine Rolle mehr. Das einzige, was ich und meine Familie beibehalten haben, ist das vietnamesische Essen und die Sprache am Tisch“ ermittelt Loan Nguyen.

Die fünfzigjährige Frau sitzt allein in ihrer Küche am Tisch. Vor ihr auf dem Tisch befinden sich eine Kaffeetasse und ein Handy. Sie genießt den freien Tag mit dem Cappuccino, während ein Kuchen im Backofen backt. Ähnlich wie die anderen vietnamesischen Boatpeople, die in den Jahren 1981 in die Bundesrepublik flüchteten, hat Loan Nguyen ein neues Zuhause gefunden. Berlin ist nicht nur die erste Stadt, in der sie mit ihrer Familien in einer Wohnung wohnt, sondern auch, wo Loan Nguyen bis heute lebt. Gedankenverloren steht sie vor den Fotos ihrer Kinder, die im Wohnzimmer neben den vielen andern Familienbildern hängen. Es ist kaum zu glauben, aber zweiunddreißig Jahre ist es her, dass sie in Deutschland angekommen ist. Es gab viele schöne Zeiten, viele turbulente Tage, aber auch kleine Krisen, etwa die Schwierigkeit am Anfang mit der deutschen Sprache oder die mühsame Eröffnung ihres eigenen Restaurants, die sie Gott sei Dank durchgestanden hat. Obwohl sie heute nicht zu ihrem Cafe-Restaurant fahren muss, ist sie schon früh aufgestanden. Denn heute hat sie einen wichtigen Termin mit einem besonderen Gast. In der letzten Woche bekam Loan Nguyen ein Anruf von einem jungen Mädchen, einer Freundin ihrer Nichte, die für ihre Hausaufgaben ihre Hilfe braucht. Darauf freut Loan sich sehr. Der Kuchen ist schon fast fertig. Kurz bevor der Gast kommt, stellt sie eine Teekanne, Kuchenteller und die Tassen inclusive Teelöffel auf den Tisch. Alles ist schon vorbereitet. Heute soll ihre Lebensgeschichte - ein wahres Märchen - nochmals erzählt werden. Die Geschichte, die Loan ihren Kindern auch schon oft erzählt hat. Diese Geschichte beginnt mit „ Es war eine Nacht im März 1981…“


18. Juni 2016

 
 
 

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